Ein Streifzug durch mein Werk

 Aus dem Programmheft ‘Geistliche und weltliche Chorwerke’ von Seongju Oh, 13. März 2004

Warum singen wir?

Singen gilt für uns oft als Ausdruck von Fröhlichkeit und Leichtigkeit. Wenn wir entspannt oder heiter sind, wenn wir verliebt sind oder vor Fröhlichkeit aufbrausen, dann verspüren wir oft das Bedürfnis zu singen. Mit besonderer, rührender Inbrunst singen wir, wenn wir Gott loben, ihm danken und ihn preisen. Wir tun es dann aus unserem tiefsten Innern? Herz und Seele stimmen mit ein.

Es gibt jedoch viele Menschen in dieser Welt, die keinen Grund haben zu singen. Es sind Menschen, die unter Krieg und Terror leiden und liebe Mitmenschen verloren haben, Menschen, die kein Brot fur sich und ihre Kinder haben, Menschen, die schwer krank sind oder unter Trauer oder schwerer Schuld leiden, Menschen die einsam und verlassen sind. Sie können heute Abend nicht mit uns singen und der Musik lauschen. An sie alle wollen wir heute Abend denken.

Als Berufsmusiker vergesse ich oft, wie schön und wie wichtig das Singen ist. Wie die Fische, sie spüren nicht, wie wichtig das Wasser ist. Wir alle vergessen allzu leicht, wie oft wir Grund haben, fröhlich zu singen und Gott zu danken. Uns ist es heute Abend gegeben, in dieser Kirche zu sitzen und uns gemeinsam der Musik zu widmen. Dafür bin ich Gott sehr dankbar. Ich freue mich, dass Sie alle heute Abend gekommen sind und ich mit den Sängerinnen und Sängern für Sie, für uns alle und für Gott musizieren darf! Nun danket alle Gott!

Es ist gerade Passionszeit. Crucifixus, der Moment Jesu Kreuzigung. Brutal werden seine beiden Hände mit Nägeln festgeschlagen, dann steht das Kreuz bedrohlich und grausam vor meinen Augen. Ich sehe ihn am Kreuz, wie er seinen Kopf nicht mehr halten kann «Sub Pontio Pilato, sub Pontio Pilato». Jedoch bin auch ich einer von denen, die ihn durch unser Fehlverhalten tägtäglich kreuzigen. «Passus, passus».

Aber nun, da ich wieder zum Kreuz empor blicke, leuchtet es mit einem Mal strahlend hell als stolzes Zeichen des endgültigen Sieges über den Tod – es ist das Symbol der Auferstehung Jesu und unserer Erlösung von Schuld und Tod. Als Zeichen Gottes steht es da für uns alle.

Wenn ich nachts an meinem Schreibtisch sitze, spüre ich manchmal, dass ich in der tiefen Nacht ganz allein bin. Es ist dunkel und ruhig draußen, die Tischlampe leuchtet still. Meine Seele ist stille zu Gott. Ins Gebet vertieft, fühle ich die Geborgenheit bei Gott und die Sicherheit, die mein Glauben mir gibt. Ich habe keine Angst, denn «er ist mein Fels, meine Hilfe, meine Burg». «Darum werde ich nicht wanken».

Aber sind wir nun wirklich so sicher und stark, wie wir glauben? Wie vieles im Leben bringt uns zum Wanken?! Kleine Traurigkeiten bringen uns oft zur Verzweiflung, unsichtbare Krankheitserreger können schweres Leiden und gar den Tod bedeuten. Alles Sterbliche ist wie das Gras «und all seine Schönheit ist wie die Blume auf dem Feld». Heilig ist der Herr! Bewahre mich, Gott, «denn ich traue auf dich». «Ich lobe den Herrn, der mich beraten hat; auch mahnt mich mein Herz des Nachts.»

Trotz aller Vergänglichkeit brauchen wir jedoch nicht zu verzweifeln. Denn Gott spendet immer wieder neues Leben und neue Hoffnung. Unser Vertrauen auf ihn vermag uns Tag für Tag mit neuer Kraft zu erfüllen. Abendhymnus, «oh Sohn Gottes, der Du Leben gibst, der Du Leben gibst». «Deshalb preist Dich alle Welt.» Jubeln und Jauchzen!

Wir ziehen gemeinsam durchs blühende Land… Ich erinnere mich an die schönen Landschaften in Baden-Württemberg, dort, wo ich meine Studienzeit verbracht habe. Sie begeisterten mich ebenso wie die Frühlingslandschaft in meiner südkoreanischen Heimatstadt im April 1989. An einem sonnigen Frühlingstag stand ich im Garten und schrieb mit Begeisterung der geheimnisvollen Natur ein kleines Lied.

So wie wir als freie Menschen hinaus in die weite Ferne zu Neuem und Unbekannten streben, ruht in uns die stete Suche nach Geborgenheit und Vertrautem, die Sehnsucht nach der Heimat. Feindschaften und Kriege jedoch trennen Menschen manchmal für immer voneinander. Meine Mutter, die seit dem Korea-Krieg nicht mehr ihre Heimat besuchen kann und ihre Großmutter nie wieder gesehen hat, sagte manchmal zu mir: «Sieh, die Vögel, sie können über die Grenzen und überall hinfliegen. Aber wir, die Menschen, können’s nicht.» In diesem Lied bin ich ein ganz kleiner Vogel (Flöte), der nur hier und da hinflattert – und wehmütig aus seinen Sehnsüchten singt.

Wenn ich an meine Heimat denke, dann besonders gern an die beeindruckende Berglandschaft (Flöte). Abends, wenn die rote Sonne langsam hinter den glitzernden Gipfeln versinkt, wandert der Schatten des Gebirges beständig auf mich zu – und taucht mich schließlich in seine kühle Dunkelheit. Bergschatten. Er ist die Nachtseite des Lebens, die, allen Fluchten (Gegenbewegungen des Klaviers) trotzend, uns alle irgendwann einholt.

Lassen uns Angst und Trauer verzweifeln, ist es Gott, bei dem wir Trost und Geborgenheit finden können. Wie lieb sind mir deine Wohnungen Herr Zebaoth! Wer möchte sich dann nicht in den Armen des Vaters, in den “Vorhöfen des Herrn” geborgen wissen?!

Doch bei dem steten Bemühen um Frieden und Gerechtigkeit in dieser Welt und auf der ewigen Suche nach Lebenssinn und Erfüllung werden wir immer wieder von unserem mühsamen Weg abgebracht – wir stürzen zurück in das Chaos dieser Welt, zurück in alte Feindschaften und Hass, zurück in unseren Alltagsstress, unsere Sorgen und Ängste.

«Wohl denen, die in Deinem Hause wohnen…» Unsere tiefe Sehnsucht nach dem Guten aber bringt uns stets zurück in die Nähe dessen, der uns auf unserem Weg begleitet, – und schließlich doch an unser Ziel: in die «Vorhöfe des Herrn». Amen.

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete «und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts». Die Liebe ist langmütig, sie kommt von oben zu uns Menschen (die Abwärtsbewegungen der Klavierbegleitung). Von ihr im tiefen Innern gerührt, geben wir sie dankbar nach oben zurück (später die Aufwärtsbewegungen der Klavierbegleitung). Die Liebe bleibet ewiglich, «sie duldet alles». Wo Menschen zusammenleben, kommt es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten und Unverständnis. Dieses Lied wird durchdrungen von zwei einander ganz und gar widerstrebenden Stimmen: Die eine schön, die andere hässlich und aggressiv. Bis fast zum Schluss hören wir diese Stimmen in zwei verschiedenen, gleichzeitig erklingenden Tonarten. Erst ganz am Ende werden die Stimmen in den erhofften, wohlklingenden Schlussakkord geführt – vereint in der Liebe. Denn die Liebe hört niemals auf. Möge sie auch uns berühren und in dieser Welt einen festen Platz einnehmen! Möge diese Welt tagtäglich einen Grund zum Singen haben: Die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen, amen, amen, amen!»

Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr!

Seongju Oh

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CD Aufnahmen