Obdachlosen-Kantate ‘Stärke unsere schwachen Körper’

für Soli, Chor, Viola, Flöte, Akkordeon und Klavier

Unter der Schirmherrschaft  von Landesbischof Dr. Huber

Mit freundlicher Unterstützung des Diakonieschen Werks Berlin-Brandenburg

                                                                     29. März 2006 Philharmonie Berlin (Uraufführung)             19. Januar 2012 Philharmonie Berlin            

Ein Streifzug durch mein Werk

Die Bahnfahrt

Das Warnsignal vor der Abfahrt, das dumpfe Knallen der zufallenden Türen… In das Geräusch des anfahrenden Zuges hinein beginnt ein Zeitungsverkäufer zu sprechen.

Er ist einer von vielen, die tagtäglich von Waggon zu Waggon gehen und ihre Texte vortragen – manche mit hoher, andere mit tiefer Stimme, mit rauher männlicher oder mit warmer, freundlicher Stimme…einige auch rhythmisch oder gar mit einem Instrument, das sie begleitet. “Guten Abend, mein Name ist Marcus, ich bin 23 Jahre alt. Seit drei Jahren bin ich obdachlos…” Manchmal ist das Rattern des Zuges so laut, dass man ihre Stimmen gar nicht richtig versteht. Die Bahn fährt weiter und weiter und hält an der nächsten Station, ein Signal, das Rumsen der Türen…und der nächste Verkäufer beginnt zu erzählen.

Heimatlos irre ich umher(Psalm 119:176)

Es ist kalt, der Regen pladdert schon den ganzen Tag… ich schaue in den dicht verhangenen grauen Himmel und sehne mich nach einer heißen Tasse Kaffee und einem Brötchen, nach einem warmen Zuhause, wo ich in guter Laune mit Freunden zusammen bin, mich lustig unterhalte, vielleicht ein bisschen tanze – mich geborgen fühle… – Der Regen fällt auf meinen Kopf…

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. (1. Korinther 13)

Zwei Musikanten bemühen sich um die Aufmerksamkeit der Passanten, doch der metallene Lärm der U-Bahn übertönt ihre Musik. Keiner fühlt sich angesprochen, alle laufen unbeeindruckt vorbei…

„Hallo!“, höre ich eine warme, freundliche Stimme neben mir! Sie zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen… Manche Leute sind von den vielen Zeitungsverkäufern und den Bitten um eine Spende genervt, doch:

Die Liebe ist langmütig und freundlich, …sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (1. Korinther 13.)

Der Bahnhof ist voll, Leute kommen und gehen. Ich lausche dem Akkordeonspieler, dessen Klänge im Wind der einfahrenden U-Bahn verhallen. Was spielt er gerade? Ich meine zu erkennen, was er mit seinem Instrument beschreibt – den Alltag vor seinen Augen, die schnellen Schritte der eilenden Passanten, ab und zu ein fröhliches Lachen, den Lärm des dichten Verkehrs draußen auf den Straßen, Hektik, Kälte, Nässe… – doch für ihn ist die Stadt leer.

”Das ist keine Fahrscheinkontrolle!” erklärt ein Obdachloser mit kräftiger Stimme – er hat seinen Humor noch nicht verloren.

Die Liebe hört niemals auf. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen. (1. Korinther 13)

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (Psalm 23) Aber was müssen wir noch alles haben?

Warum wollen wir alles für uns behalten, warum ist das so schwer, loszulassen und hinzugeben?

Gern wäre ich wie ein Schaf auf der grünen Aue am frischen Wasser und schliefe im Arm meines Hirten ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang…

Ein kleines Kind ruft erschrocken und zeigt mit seinem Zeigefinger zum Fernseher, wo es einen Mann hat hinstürzen sehen, der nun mit leidendem Gesicht verzweifelt um Hilfe ruft. Das Kind schaut fassungslos zu seinen Eltern. „Das ist nur ein Film“, erklären sie, „aber du hast völlig Recht mit deiner Reaktion! Doch wir sehen so etwas oft in spannenden Filmen und wissen, dass es nicht echt ist.“

Gehören die vielen Obdachlosen auch zu unserem Alltag wie leidende Menschen zu spannenden Filmen? Dies ist leider kein Film. Es sieht aus wie in Zeiten nach dem Krieg.

Lassen wir uns erschrecken wie das kleine Kind – öffnen wir die Augen, stehen auf und fangen an zu helfen!

Vor Gott sind alle Menschen gleich wichtig. Vor ihm gibt es keinen, der unwichtiger ist als andere. Und doch gibt es Menschen, die nichts zu essen und kein warmes Bett haben… Nicht irgendwo in der Welt, nein, hier in dieser Stadt, gleich ein paar Straßen weiter… Sie sind unsere Mitmenschen, unsere Nächsten, die für Gott nicht weniger wichtig und wertvoll sind als wir selbst…

Helfen wir ihnen aufzustehen, schenken wir ihnen Mut und neue Kraft, damit sie nicht allein im kalten Regen stehen und in den grauen Himmel schauen! Sie fühlen sich einsam und verlassen. Viele wissen nicht wie es weiter gehen soll…

Secundum autem simile est huic – Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Matthäus 22, 39)

Jeden Winter hören wir die gleichen Nachrichten: „Die erste Kältewelle in diesem Winter kostete in der vergangenen Nacht bereits einen Toten…“

Glauben Sie, das gleiche werden Sie zu Beginn des nächsten Winters wieder hören?? Dann stehen Sie auf und tun Sie etwas!!

Infirma nostri corporis! Entflamme ein Licht in den Sinnen, erfülle das Herz mit Liebe, stärke unsere schwachen Körper mit der Kraft der Geduld. (Hrabanus, H. Maurus 783-856)

Seongju Oh